Shifting-Baseline-Syndrom

Heute etwas zum Nachdenken: Shifting-Baseline-Syndrom.

Herrscht eine gewisse Blindheit für die Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft und fehlt es vielleicht an Verständnis dafür, dass die Annehmlichkeiten unseres heutigen Lebens nicht einfach vom Himmel gefallen sind, sondern hart erarbeitet und manchmal sogar erkämpft werden mussten?

Bei den öffentlichen Diskussionen vermisse ich oft das Anerkennen einer anderen Lebenswirklichkeit und eine damit verbundene Wertschätzung der Leistungen der älteren Generation.

Beim Nachdenken über diese Fragen bin ich auf das Phänomen des „Shifting-Baseline-Syndrom“ gestoßen. Das Shifting-Baseline-Syndrom ist ein psychologisches und soziologisches Phänomen, nach dem jede neue Generation die Situation, in der sie aufwächst, als natürlich und normal akzeptiert. Wir wissen also nicht, dass es besser geht, weil wir es nie kennengelernt haben.

Das führt zu der Frage: „Wie kann man wertschätzen, was man nicht kennt?“ Schon Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich mit dieser Frage und sagte: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“ oder anders gesagt: „Man sieht nur, was man weiß“. Verhaltensforscher sagen dazu: „Man liebt nur, was man kennt und man schützt nur, was man liebt.“

Jede neue Generation steht anderen Herausforderungen gegenüber. Bei mir waren es: eine vom Krieg traumatisierte Gesellschaft, Aufbau demokratischer Strukturen, der kalte Krieg, die Teilung Deutschlands und die Mauer (sie fiel erst 9.11.1989), der Kampf um die Gleichberechtigung (in meiner Jugend bedurfte es noch der Zustimmung des Ehemanns, wenn eine Frau arbeiten wollte und erst 1994 wurde der Paragraph 175 aus dem Grundgesetz gestrichen, der Homosexualität unter Strafe stellte), gründen von Kindergruppen, Kindergärten, verlässliche Grundschule (auch die gab es bei der Einschulung meiner Kinder noch nicht), die ersten Computer, Digitalisierung in Beruf und Alltag – Ich könnte diese Liste noch endlos fortführen. Wir haben Strom und Benzin gespart, als es zur Energiekrise kam, haben die Verschmutzung der Flüsse in den Griff bekommen, so dass heute wieder Fische in Rhein und Elbe fließen und so weiter.

In jedem Leben eines Menschen finden Entwicklungen in den unterschiedlichsten Bereichen statt: persönlich, sozial, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch. Entwicklung setzt sich aus vielen einzelnen Prozessen zusammen, wobei die einzelnen Entwicklungsprozesse meist aufeinander aufbauen. Das klappt aber nur, wenn die Lösungsmöglichkeiten für die Herausforderungen auch gesehen und wahrgenommen werden können.

Das heutige Leben ist das was JETZT ist. Aber es gab ein DAVOR und es wird ein DANACH geben.

Es ist klug, das DAVOR zu verstehen, um die in ihm enthaltenen Potentiale erkennen zu können. So wie wir uns auf das „alte Wissen“ unserer Vorfahren besinnen, um unsere Verbundenheit mit der Natur zu reaktivieren und unsere Resilienz zu stärken, so können wir auch von den Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte profitieren.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es eine Stunde NULL. Alles war zerstört und der große Wahnsinn endlich beendet. Politische Strukturen, gesellschaftliches Leben und soziales Miteinander mussten neu gedacht und aufgebaut werden. Das ist auch heute so. Nach der Erkenntnis, dass wir HANDELN müssen, wenn der Klimawandel uns nicht einholen soll, müssen wir neu denken.

Dazu gehört, dass wir unsere gesellschaftlichen Errungenschaften auf den Prüfstand stellen. Wird etwas, was uns vertraut ist, neu gedacht, erhält es die Chance, anders gesehen zu werden. Neue Potentiale werden sichtbar, aber auch gemachte Fehler und bekanntlich geben uns erkannte und analysierte Fehler die Möglichkeit, es anders und besser zu machen.

Wenn wir dabei im Hinterkopf behalten, dass ein Handeln zum Wohle der Gesellschaft nur möglich ist, weil es die bereits entwickelten Errungenschaften schon gibt, steht uns ein größeres Handlungspotential zur Verfügung.

Um jetzt wieder auf das Shifting-Baseline-Syndrom zurückzukommen: Gerade wir Frauen müssen über unsere Biografien, die Herausforderungen unseres Lebens, die Erleichterungen, die die vielen Erfindungen gebracht haben, die Freuden und die Schwierigkeiten, reden!

Wie sonst soll die junge Generation unsere Lebenswirklichkeit verstehen und unsere Lebensleistung wertschätzen können?

Das klappt nicht, wenn wir weiterhin unsichtbar bleiben. Keiner will mehr Holz hacken oder die Kohlen aus dem Keller holen, um eine warme Stube zu haben – auch unsere Kinder nicht. Und Digitalisierung und Elektrifizierung sind nicht die Lösung aller Dinge.

Also nur Mut, beteiligen wir uns an den Diskussionen.

 

Weitere Themen, die mich beschäftigt haben, findest du unter: Nachdenkliches