Weihnachten darf so sein

Weihnachten darf so sein

Die Weihnachtszeit ist bei mir traditionell eine stille Zeit. Entspannen – mit der Familie feiern – bei mir ankommen.

Mit diesem letzten Post in diesem Jahr verabschiede ich mich in die Weihnachtszeit.

 

Eine frohe Weihnachtszeit,
besinnlich schöne Weihnachtstage
und ein guten Rutsch ins neue Jahr

wünscht
Telse Maria Kähler

Es folgt die Kurzgeschichte „Weihnachten darf so sein“ aus dem Buch „Der zweite Wind“.


Weihnachten darf so sein

Unschlüssig stand Marie im Wohnzimmer und begutachtete den vor ihr stehenden Tannenbaum. Eine ebenmäßig gewachsene Fichte streckte ihre dunkelgrünen Zweige selbstbewusst in den Raum. Kurze Zeit später erstrahlte der kleine Weihnachtsbaum im funkelnden Glitzerlicht, als säßen tausende Sternchen in seinen Zweigen.

Jahrelang hatte Marie sich erfolgreich gegen elektrische Kerzen am Tannenbaum gewehrt. Sie liebte es konventionell, rote Tannenbaumkerzen aus Wachs. Sie wollte das Echte, den Geruch von Kerzenwachs, die Wärme der kleinen Flammen, diese heimelige Atmosphäre eines Tannenbaums, wie sie ihn schon seit ihrer Kindheit kannte. Glänzende Kugeln, bunte Holzfiguren, Sterne aus Kristallglas, all das gab dem Baum seinen weihnachtlichen Glanz – jedes Jahr wieder, möglichst immer gleich.

An diesem Weihnachtsbaum war nichts Märchenhaftes. Spärlich verteilt in den Tannenzweigen mit den kleinen Lichtlein hingen rote Weihnachtsbaumkugeln. Das war alles.

Michael, ihr Mann, und Lisa, ihre Tochter, standen vor dem Baum und bewunderten ihr Werk. Sie strahlten über das ganze Gesicht. Der Tannenbaum wäre wunderschön, behaupteten sie. Jede weitere Dekoration sei vollkommen überflüssig, würde nur die Schönheit dieses Baumes verschandeln.

Marie schluckte. Ihr Mund war trocken, ihr Herz schmerzte. Versonnen nickte sie. Dann soll es so sein. Sie war zu müde, um ihren Lieben an diesem Nachmittag zu widersprechen. Bis gestern hatte sie gearbeitet. Der vorweihnachtliche Rummel war wie jedes Jahr anstrengend gewesen. Zwischen Weihnachten und Neujahr blieb ihr kleines Ladengeschäft zwar geschlossen, doch gleich im neuen Jahr würde es wieder stressig losgehen. Doch nun – endlich ein paar freie Tage.

Seufzend ging Marie um den Weihnachtsbaum herum, betrachtete sein dezentes, sehr reduziertes Aussehen. Und ihr wollt wirklich nicht? Nein?

In diesem Jahr sollte Weihnachten anders werden, so hatte sie es sich Anfang des Jahres vorgenommen. Sie würde rechtzeitig die Geschenke einkaufen und für die Weihnachtsdekoration wollte sie sich schon vor dem ersten Advent ausreichend Zeit nehmen. Wie jedes Jahr kam Weihnachten dann wieder so plötzlich, stand einfach vor der Tür, obwohl Marie Weihnachten noch längst nicht eingeplant hatte.

In diesem Jahr sollte es keine Gutscheine geben. Marie und Michael wollten gemeinsam in die Stadt fahren, um Weihnachtsgeschenke zum Anfassen einzukaufen – Vorfreude erleben. Dann bevölkerten viel zu viele Menschen die Stadt, so dass die beiden schon zwei Stunden später ihr Vorhaben aufgaben.

Die Folge war, dass Marie bis vor wenigen Tagen nicht die geringste Idee hatte, was sie ihren Lieben zu Weihnachten schenken könnte. Keiner von ihnen war in der Lage gewesen, sich seine Wünsche bis Weihnachten aufzubewahren. In diesen Zeiten der sofortigen Bedürfnisbefriedigung blieb deshalb nichts übrig, womit man ihnen zum Weihnachtsfest eine Freude bereiten konnte. Und von nutzlosen Dingen wollten sie bitteschön verschont bleiben. Marie kaufte Konzertkarten und Konfekt, damit sie wenigstens einige kleine Päckchen packen konnte.

Zu ihrer Vorfreude gehörte es, die Weihnachtsgeschenke liebevoll zu verpacken und wunderschön zu dekorieren, um sie dann unter dem Lichterbaum zu stapeln. All das gehörte in ihren Vorstellungen zu Weihnachten, genauso wie das Keksebacken. In diesem Jahr gab es nichts zu stapeln.

„Nicht einmal die Freude am Schenken bleibt einem!“, sinnierte Marie, während sie sich nach den alten Zeiten sehnte.

Früher, ja früher da hatten die Kinder Wunschzettel geschrieben. Schon Wochen vor dem Fest freuten sie sich auf Heiligabend und ihre Augen leuchteten, wenn sie die Päckchen unter dem Tannenbaum erspähten. Sie lachten vor lauter Aufregung und Ihre Wangen glühten vor Freude, ja früher!

Zwischen früher und heute lagen viele Weihnachtsfeste, auch Festtage, die nicht so besonders erfreulich verlaufen waren. Es gab Erinnerungen, die ihren Atem zum Stocken brachten und ihr noch heute die Tränen in die Augen trieben, wie der Tod ihrer Mutter oder Bastis Unfall vor drei Jahren, als sie Heiligabend auf der Intensivstation verbrachten. Nein, an diese Dinge wollte sie nicht denken, nicht heute. Und doch tauchten sie gerade heute immer wieder aus dem Keller der Erinnerungen auf, machten sie traurig.

Sebastian, ihr Sohn, hatte sich inzwischen gut erholt. Die Knochenbrüche waren verheilt, die Zeit der Genesung war abgeschlossen. Voller Freude und Zuversicht stand er im Leben, war erfolgreich im Beruf und gerade dabei, eine eigene Familie zu gründen.

Nur in ihrem Leben gab es diese Momente, in denen ihr immer noch fast das Herz stehen blieb, nur weil sie daran denken musste, dass sie ihren Sohn in dieser Heiligen Nacht fast verloren hätte.

Dann wieder gab es Weihnachtsfeste, da flogen die Fetzen. Manchmal hatte Marie den Verdacht, die Geschwister hätten sich zum Streiten verabredet, nur weil es besonders schön und festlich sein sollte. Obwohl die beiden inzwischen erwachsen waren, führten sie diese Tradition fort, fast so, als wäre Streiten ein Weihnachtsritual. Rücksicht auf die Gefühle der Eltern – Fehlanzeige.

Doch es gab auch viele schöne Festtage, Tage, an die sich Marie gerne erinnerte und bei denen ihr warm ums Herz wurde, allein wenn sie an diese Feste dachte.

Erfahrungen, Gefühle und Erinnerungen vieler Jahre barg Marie in sich, wie in einem gut gefüllten Keller, in dem ein heilloses Durcheinander herrschte. Besonders zu den Festtagen drohte dieses Gefühlchaos gefährlich außer Kontrolle zu geraten. Von einer Minute zur anderen schwappte ein anderes Gefühl an die Oberfläche. Von Lachen bis Weinen, von Wut bis Verzagtheit, alles war möglich.

Obwohl Marie es nie zugeben würde, tauchte in ihr zuweilen der Verdacht auf, sie könne sich gar nicht mehr richtig über Weihnachten freuen, sondern wäre nur noch eine Statistin in einem Theaterstück und dieses Schauspiel hieß „Weihnachten“. So wie im letzten Jahr.

Permanent hatte sie das Gefühl, sie würde nur noch funktionieren, wie durch unsichtbare Fäden gelenkt und vorangetrieben. Nur ja nicht denken, nur ja nicht fühlen! Wer weiß, was da hervorbrechen könnte.

Jetzt gehörte sie also auch zu den Menschen, die sich wünschten, diese Tage mögen doch bitte möglichst schnell vorbeigehen. Hätte man ihr das vor einigen Jahren vorhergesagt, sie hätte nur gelacht und behauptet: „Weihnachten ist wunderschön! Ich liebe diese Tage!“

Weihnachten war tückisch. Diese vermeintlichen „festlichen“ Tage glichen einer Gefühlsachterbahn, die es in sich hatte. Permanent musste man auf der Hut sein.

Ja, der Tannenbaum sah schön aus! Keine Erinnerungsstücke an die vergangenen Jahre. Keine geerbten Kristallsterne von Mama, die sie jedes Jahr wieder zu Weihnachten zum Weinen brachten. Keine Holzfiguren, die sie zusammen mit den Kindern auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hatte und doch so fürchterlich kitschig waren. Keine roten Schleifen, die so und so nur ein schwacher Versuch waren, den Weihnachtsbaum ein wenig aufzuhübschen.

Nein, dieser Baum war neutral, trug keine Erinnerungsfallen an seinen Zweigen. Er stand stolz im Glanz der kleinen glitzernden Lichtlein im Wohnzimmer und wirkte fremd und wohltuend zugleich. Das Kerzenlicht spiegelte sich in den roten Kugeln. Es sah nett aus.

„Okay, wenn ihr damit zufrieden seid, bin ich es auch“, sagte Marie freundlich.

„Wir sollten unbedingt die Ente in den Ofen schieben, sonst wird es nichts mit dem köstlichen Entenbraten zum Heiligabend!“, lachte sie unruhig und wollte aufspringen, um in die Küche zu eilen.

„Papa und ich haben Kartoffelsalat gemacht, als du dein Nickerchen gehalten hast. Wir haben etwas umdisponiert. Es gibt Kartoffelsalat und Würstchen!“, hielt Lisa ihre Mutter zurück.

Kartoffelsalat und Würstchen? Dieses schlichte Gericht stand nun wirklich nicht auf Maries Plan zur Erzeugung einer festlichen Weihnachtsstimmung. Heiligabend gab es Ente, es hatte immer Ente gegeben, mit Rotkohl und Klößen …

„Und die Ente?“, fragte sie leise, unschlüssig, ob sie sich freuen oder enttäuscht sein sollte.

„Och Mami, die fliegt schon nicht davon. Die mache ich dir am dritten Weihnachtstag, versprochen“, lachte Lisa. In diesem Jahr würde Lisa die gesamte Zeit bis Silvester bei ihnen verbringen. Basti feierte Heiligabend mit seiner eigenen kleinen Familie und hatte Marie, Michael und Lisa zum Essen am ersten Weihnachtstag eingeladen.

Englische Weihnachtspopsongs dröhnten aus den Lautsprecherboxen. Die Musik war nicht störend, nur ungewohnt. Keine Harfenklänge, keine traditionellen Weihnachtlieder und kein Gospelchor wie in den vergangenen Jahren, um langsam eine feierliche Stimmung herbeizuzaubern. Während es draußen zu dämmern begann, erfüllte Tanzmusik den Raum und kündete von einem Christmas der beschwingten Art.

„Setz dich einfach. Ich habe Kaffee gekocht. Nach dem Kaffeetrinken decke ich den Esstisch. Und dann gibt es Bescherung!“, lachte Lisa verschmitzt und schob ihre Mutter in Richtung Sofa.

Marie dachte an den Vormittag, die Hektik beim Saubermachen, denn alles sollte doch schön sein. Ihre Unsicherheit, ob sie ja an alle Köstlichkeiten gedacht hatte, schließlich sollte ihre Familie sich wohlfühlen. Wie jedes Jahr war ihr Anspruch, wie ein schönes Weihnachtsfest auszusehen hatte, groß. Es gab so viel zu tun … So viel, unmöglich, alles zu schaffen.

Beim Wienern der Küchenspüle kamen ihr vor lauter Anspannung fast die Tränen. Ein Satz aus ihrem Meditationsbuch kam ihr in den Sinn: „Und ich gebe auf, was ich nicht schaffen kann und konzentriere mich auf das, was ich schaffen kann!“ Diese Worte drückten in ihrer Schlichtheit aus, wonach Marie sich so sehr sehnte.

Marie sprach den Satz noch einmal leise vor sich hin. Dann legte sie das Putztuch beiseite. Augenblicklich hatte sie das Gefühl, sie müsse dem riesigen Rucksack, der sich gerade von ihren Schultern verabschiedete, hinterherwinken. Sie schmunzelte, so leicht wurde ihr ums Herz. Wieder waren es ihre eigenen Ansprüche gewesen, die ihr das Leben schwer machten. Zeit für ein kleines Mittagsschläfchen.

„Schließlich wollen wir das Fest der Liebe feiern und nicht das Fest der gestressten Mutter“, sagte sie sich und vertagte den Gedanken an den Berg der noch zu erledigenden Weihnachtsvorbereitungen.

„Spartanisch und einfach wird es heute zugehen!“, dachte Marie, als sie es sich auf dem Sofa bequem machte. Dem ganzen Feiertagsstress ein Ende setzen, dem Karussell der widersprüchlichen Gefühle entfliehen und frei sein von allen Weihnachtsfeeling-Wunschvorstellungen. Das fühlte sich gut an.

„Ja, spartanisch und einfach, das ist genau das, was mir heute guttut!“ Marie griff nach einem Stück Lebkuchengebäck und lehnte sich genüsslich zurück. Der frisch aufgebrühte Kaffee duftete aromatisch – köstlich.

„Hübsch sieht er aus, der kleine Tannenbaum – in seiner Schlichtheit. Wie gut er doch gewachsen ist. Und was für ein großes Glück ich doch habe. Wir – hier – zusammen – so voller Frieden!“

Marie ertappte sich dabei, zufrieden zu sein, mit sich und irgendwie allem.


Der zweite Wind - Kurzgeschichten von Telse Maria Kähler

 

 

Die Kurzgeschichten stammt aus dem Buch Der zweite Wind.