Tatsachentreffen

Riddagshausen

Tatsachentreffen – eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Der zweite Wind“

Lass diese Geschichte doch einmal auf Dich wirken. Es ein wirklich unbeschreibar schönes Gefühl, wenn vermeintliche Tatsachen Flügel bekommen.


Tatsachentreffen

Tatsachen wohnen im Kopf eines Menschen und nehmen rege an seinem Leben teil. Manchmal treffen sie sich, um gemeinsam die Zeit zu verbringen, ein wenig zu schwatzen und von den alten Zeiten zu reden.

An einem wunderschönen Junimorgen trafen sich drei Tatsachen, um Boot zu fahren. Mit an Bord gingen die Tatsachenträgerin Tanja und ihre Freundin Elena.

Tanja, die ihre Freundin Elena angestiftet hatte, doch endlich den alljährlichen Frauentag mit ihr zu verbringen, hatte das Boot für den ganzen Tag gebucht. Sie liebte es, auf dem See zu rudern und dann in der heißen Mittagssonne in einer kleinen Bucht anzulegen, um zu baden, in der Sonne zu liegen und zu picknicken.

Elena war an diesem Tag etwas missmutig. So richtig Freude wollte nicht aufkommen, weil Tanja in den letzten Monaten zur Bedenkenträgerin mutiert war.

Nachdem die beiden ihren Picknickkorb im hinteren Drittel des Bootes verstaut und auf der Ruderbank Platz genommen hatten, überlegte Elena, dass sie ja eigentlich die Wahl hatte. Entweder sie würde ihrem Miesepeter an diesem Morgen freien Auslauf gewähren, obwohl das Wetter wunderschön war und sie es liebte, über den kleinen See zu rudern, oder sie müsste ihn in die Wüste schicken, um diesen herrlichen Sommertag auf dem Wasser genießen zu können.

Elena griff nach der Sonnencreme, versorgte ihre Arme und Beine und vor allem die Nase. Einen Sonnenbrand auf der Nase wie im letzten Jahr, das würde ihr nicht ein zweites Mal passieren. Dieses Missgeschick hatte sich gründlich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Eine Woche lang spöttelten ihre Kolleginnen und konnten es sich nicht verkneifen, in ihrer Gegenwart immer neue, witzig gemeinte Kommentare abzugeben. Nein, heute hatte Elena einen Strohhut mit einer breiten Krempe dabei. Dieser Hut würde ihre Nase vor den aufdringlichen Sonnenstrahlen schützen.

Nachdem die Sonnenbrille den ihr zugedachten Platz auf Elenas Nase gefunden hatte, sah Elena zu Tanja hinüber. Tanja, die Tatsachenträgerin, hatte ihre Bluse geschürzt und vor dem Bauch mit einem dicken Knoten zusammengebunden. Ein lustiger Zopf baumelte aus der Öffnung ihres Käppis. Sie strahlte übers ganze Gesicht: „Was für ein herrlicher Morgen!“

Tatsache Nummer 1 grinste und flüsterte Tatsache Nummer 2 und 3 zu: „Wie schön sie doch ist, wenn sie nicht an uns denkt!“

Die drei Tatsachen hatten es sich in Tanjas Kopf gemütlich gemacht. Mancher mag vielleicht denken, Tatsachen verweilen im Kopf wie in einer Art Strandkorb, in dem es sich wunderbar chillen lässt. So ist das aber nicht. Tatsachen sitzen nebeneinander auf einer Art Leine, so wie wir es von den Schwalben kennen, die nebeneinander auf den Stromleitungen hocken. Allerdings haben Tatsachen keine Flügel. Die wachsen ihnen erst, aber dazu kommen wir später …

„Au wei, ich wusste es doch. Mein Urlaub ist von kurzer Dauer!“, seufzte Tatsache Nummer 3 und wurde ganz unruhig.

„Sag mal, Elena, meinst du, dass mit meiner Bluse geht so? Oder macht es mich zu dick?“, fragte Tanja ihre Freundin.

„Oh, nö, Tanja … Wen interessiert es, ob du dick oder dünn bist? Du siehst toll aus, reicht dir das?“, quengelte Elena, die an diesem Morgen nun wirklich keine Lust auf das Dick und Dünn-Spielchen hatte.

„Nun sei doch nicht so schnippisch, Elena. Ich weiß ja, dass ich zu dick bin!“, antwortete Tanja theatralisch.

„Aha, du bist also dick?“, fragte Elena. Tanja nickte.

„Wenn du 165 kg wiegen würdest, ja, dann würde ich auch sagen, du bist dick. Dann wäre die Feststellung, du bist dick, eine reale Tatsache!“, grinste Elena und griff nach dem Ruder. Vorsichtig tauchte sie es ins Wasser, als müsse sich das Holz des Ruderblattes erst an die Wassertemperatur gewöhnen.

„Ach, du willst mich nur trösten. Du kannst ruhig ehrlich zu mir sein!“ Tanjas Gesicht nahm einen flehenden Ausdruck an, als würde es rufen, bitte sag mir, dass ich zu dick bin.

„Also ehrlich, Tanja. Ich kann dir jetzt zwar sagen, du bist zu dick. Dann hätte ich endlich meine Ruhe. Aber irgendwie ärgert es mich, dass du dir immer einredest, du wärst zu dick. Du hast einen sportlichen, durchtrainierten Körper. Alles sitzt am rechten Fleck. Wer um Gottes willen redet dir nur immer ein, dass du so nicht richtig wärst. Ich hoffe, du bist das nicht selbst! Dann hast du nämlich ein Problem.“

Elena war es an diesem Tag leid, sich Tanjas Gesülze anzuhören. Heute wollte sie Schluss machen mit diesem Gejammer und Tanja mit ihren eingebildeten Tatsachen konfrontieren.

„Philipp sagt auch immer, ich wäre zu dick!“, warf Tanja ein.

„Ach, Philipp sagt, du bist zu dick!?! Und du glaubst, Philipp hat recht? Dann ist Philipp also dein Bestimmer?“ Irritiert sah Tanja Elena an.

„Philipp ist nicht mein Bestimmer!“, sagte sie ärgerlich.

„Nicht? Für mich hörte es sich aber so an, als würde er bestimmen, ob du dich dick fühlst oder nicht. Also ist er dein Bestimmer. Oder stammt diese alte Kamelle ‚Ich bin zu dick‘ aus deiner Kindheit? Vielleicht von Tante Camilla, dieser hageren Meckerziege. Dann, liebe Tanja ist sie deine Bestimmerin. Sie bestimmt auch heute noch, wie du zu sein hast!“

Elena überlegte kurz, ob sie diesen Zynismus lieber lassen sollte. Doch inzwischen hatte sich ihr Ärger mit Schalk vermischt und einer spitzbübischen Freude.

„Wollen wir nicht endlich loslegen? Hier am Bootssteg festzuhängen und darüber zu diskutieren, wer bestimmt, dass du fett bist oder nicht, macht wenig Spaß!“, lachte sie.

Wenn Tanja mit beiden Beinen auf festem Boden gestanden hätte, hätte sie jetzt kräftig mit dem Fuß aufgestampft. Sie dachte gar nicht daran, nach dem Ruder zu greifen. Stattdessen fluchte sie: „Ich habe keinen Bestimmer!“

„Nicht? Dann erkläre mir doch bitte, wie eine hübsche, emanzipierte Frau wie du darauf kommt, sie wäre zu dick?“, sagte Elena. Tanja schwieg und schaute beschämt auf den Boden des Ruderbootes.

„Nun, ich werde dir die Antwort verraten. Du trägst nicht eine Tatsache mit dir herum, sondern einen Glaubenssatz. Und dieser Satz hat das Regiment in deinem Körpermanagement übernommen. Kannst du überhaupt noch unbefangen in den Spiegel gucken, ohne diesen Satz vor dich hinzudenken?“, fuhr Elena fort und sah Tanja neugierig an.

Tanja wandte den Kopf, sah auf den See. Sie überlegte. „Nö, eigentlich nicht wirklich“, gab sie zu.

„Siehst du, sag ich doch. Es gibt einen Bestimmer! In diesem Fall dein Glaubenssatz. Willst du ihn nun bis zu deinem Lebensende mit dir herumtragen?“

„Aber, es ist doch Tatsache …“, begann Tanja, doch Elena unterbrach sie: „Realistische Tatsachen lassen sich mit fundierten Argumenten untermauern. Wenn Körpergröße und Gewicht im Normalbereich liegen, ist die Behauptung, zu dick zu sein, definitiv falsch. Folglich hast du dir ein Illusionsgebäude aufgebaut. Illusionen sind aber keine Tatsachen!“

Tanja war sauer. Allerdings: Je länger sie über Elenas Worte nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass Elena vielleicht recht haben könnte. Schweigend ergriff sie das Ruder. Sie und Elena waren ein eingespieltes Team. Mit kräftigen Zügen ruderten sie in Richtung Seemitte.

Währenddessen erhob sich Tatsache Nummer 3. Wenn vermeintliche Tatsachen sich im Kopf des Tatsachenträgers in entlarvte Glaubenssätze verwandeln, wachsen ihnen Flügel. Sie werden beweglich und haben die Chance, ihr Zuhause auf der Wäscheleine zu verlassen. Tatsache Nummer 3 schüttelte sich, streckte die Flügel in den Wind und erhob sich in die Luft.

„Tschüs, Mädels. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen. Lasst es euch gutgehen! Ich kann jetzt fliegen!“, rief sie erfreut und zwinkerte den beiden Zurückbleibenden zu. Dann verließ sie Tanjas Kopf.

Tanja und Elena ruderten einmal quer über den See. Sie freuten sich über die Sonne, die sich im Blau des Wassers spiegelte, über die Ruhe, die Haubentaucher und die Wildenten. Als es fast Mittag war, ruderten sie in ihre Lieblingsbucht, die romantisch verborgen hinter einer alten Weide lag, deren Zweige bis tief ins Wasser hinein reichten. Sie machten ihr Boot fest, packten ihr Badezeug aus und nahmen ein ausgiebiges Bad in dem noch etwas zu kalten Wasser des Sees. Leicht fröstelnd breiteten sie ihre Decke im Gras aus und wärmten sich in der Junisonne.

Reisen, Kinder, Ärgernisse des Alltags, sie hatten schon viele Themen abgehandelt und ausgiebig durchgekaut. Elena war etwas mulmig zumute, als etwas Magisches sie zwang, das Thema Studium anzusprechen. Wie Elena war Tanja bereits Mitte dreißig. Sie war verheiratet und hatte zwei Kinder, doch beruflich wurstelte sie sich von Job zu Job. Seit ihrer Jugend träumte sie davon, Pädagogik zu studieren. Sich endlich einzuschreiben schaffte sie nie. Also eigentlich ein Tabuthema.

„Hast du dich jetzt endlich eingeschrieben? Die Fristen laufen bald ab!“, begann Elena und sah Tanja erwartungsvoll in die Augen. Tanja war dieses Thema merklich unangenehm.

„Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich es schaffen kann. Immerzu habe ich das Gefühl, ich bin zu dumm und dann denke ich, das schaffe ich nie!“, seufzte sie. Ihr war es ja selbst schon peinlich, doch eine unsichtbare Hand hielt sie immer wieder davon zurück, endlich aktiv zu werden.

„Lass mich raten. Peter Rademacher! Peter Rademacher ist der Bestimmer deiner Träume!“, lachte Elena. Sie zog den Picknickkorb zu sich heran. Man sah ihr an, es machte ihr Spaß, Tanja zu provozieren.

„Peter Rademacher? Sag mal, spinnst du nun komplett?“, entrüstete sich Tanja. Wütend setzte sie sich auf.

„Tannilein, ich war dabei. Zweite Klasse Mathearbeit. Erinnerst du dich? Er hat uns beide beschimpft. Wie dumm wir doch wären und dass wir beiden nichtsnutzigen Mädchen es niemals schaffen würden, in einem Beruf Karriere zu machen!“, antworte Elena versöhnlich.

„Ja, daran erinnere ich mich. Peter Rademacher, Waschlappen und Frauenheld in einer Person und leider unser Klassenlehrer“, seufzte Tanja und fügte hinzu, „aber bestimmt nicht mein Bestimmer!“

„Junge Frau, gebildet und intelligent, schreibt sich nicht für ein Studium ein, von dem sie schon seit Kindertagen träumt. Was kann sie davon abhalten? Doch nicht etwa sie selbst? Also muss es doch einen Grund geben, warum diese Frau sich für zu dumm hält, statt endlich loszulegen. Ich tippe auf Peter Rademacher. Sein dummer Spruch bestimmt immer noch, was du tust oder nicht tust. Also ist er dein Bestimmer!“

„Ich habe keinen Bestimmer!“, zischte Tanja wütend. „Ich bestimme selbst, was ich tue!“

„Aha, das sehe ich!“, sagte Elena zynisch.

„Dumme Pute! Hast ja recht. Scheint sich schon wieder um so einen dummen Glaubenssatz zu handeln, den ich vergessen habe rauszuschmeißen. Aber bitte hör endlich auf, mir irgendwelche Bestimmer anzudichten!“, sagte Tanja versöhnlich. Noch so eine dumme Phrase, von der sie gedacht hatte, es wäre eine Tatsache.

Sie war nicht dumm, das wusste sie selbst. Wenn man ein Abitur geschafft hat, ist man nicht dumm. Es war nur so ein dummes Gefühl. Damit war jetzt Schluss, Peter Rademacher sollte nie wieder bestimmen, ob sie etwas wagen würde oder nicht. Vor ihrem geistigen Auge sah Tanja sich als Lehrerin vor einer Klasse mit Kindern stehen. Wollte sie auf die Erfüllung ihres Herzenswunsches weiterhin verzichten, nur weil so eine Uraltkamelle es sich in ihrem Selbstbild bequem gemacht hatte? Nein!

Tatsache Nummer 2 war froh, endlich entlarvt worden zu sein. Als ihr Flügel wuchsen, fühlte Tanja, wie ihr das Herz aufging. Tatsache Nummer 2, glücklich darüber frei zu sein, war es zu dumm, sich weiterhin in Tanja Kopf herumzutreiben. Kurz entschlossen erhob sie sich und flog davon.

„Schönes Tatsachentreffen“, dachte Tatsache Nummer 1. „Nun sitze ich hier und bin ganz allein. Ich will auch frei sein!“

Als hätte Tanja das Flehen vernommen, begann sie mit leicht jammernder Stimme zu zetern: „Glaubst du, Elena, dass ich das schaffen kann? Meine Mutter meint, ich hätte überhaupt kein Händchen für Kinder und mein Vater behauptet, ich wäre viel zu chaotisch und als Lehrerin müsse ich ein Vorbild sein. Manchmal weiß ich nicht, ob ich wirklich so richtig bin, wie ich bin, oder ob ich nicht erst noch etwas anderes hinzulernen muss, bevor ich mich in die Welt wagen kann.“

Elena fühlte Tanjas Not. Sie kannte dieses Gefühl. Nicht zu wissen, ob man richtig ist, ob man überhaupt genug ist oder nicht ganz anders sein müsste, kann sich als eine ziemlich unerquickliche Sache entpuppen. Deshalb fragte sie: „Und was denkst du?“ Ihre Stimme klang weich und einfühlsam.

Tanja hatte ziemlich viele Argumente, warum sie vielleicht nicht richtig sein könnte – als Frau, als Mutter, als Mensch – oder warum es vielleicht doch klug wäre, anders zu sein.

„Also, du solltest die ganzen Bedenkenträger, die inneren und die äußeren, endlich mal in die Wüste schicken“, begann Elena sachlich. „Du bist genau richtig, so, wie du gerade bist! Du bist du! Wie kommst du nur auf die Idee, dass irgendetwas an dir falsch sein könnte? Natürlich bist du nicht das maßgeschneiderte Perfekt-Modell. Doch wer will so etwas? Die Kinder werden dich lieben, weil du Kinder liebst und wunderbar erklären kannst. Glaub mir!“

Ungläubig sah Tanja ihre Freundin an.

„Ich sehe deine Augen leuchten, wenn du von deinen Berufsplänen sprichst. Und ich kenne dich fast mein ganzes Leben! Du bist genau richtig, so, wie du bist! Und wenn jemand etwas anderes behauptet, bekommt er es mit mir zu tun. Wenn du allerdings selbst glaubst, irgendjemand anderes außer dir selbst könnte dir sagen, wie du zu sein hast, dann hast du wieder jemanden zu deinem Bestimmer gemacht. Wenn das so sein sollte, liebe Tanja, dann wird es Zeit, dass du der Bestimmer deines Lebens wirst. Dass du die Verantwortung für DEIN Leben und jetzt aktuell für deinen Berufswunsch übernimmst. Denn wenn du es nicht tust, dann wirst du bestimmt!“

Lachend schüttelte Elena ihren Lockenkopf. Geschickt angelte sie aus dem Picknickkorb zwei Teller und eine Schüssel mit Kartoffelsalat. Nachdenklich sah Tanja ihr zu. Dann sagte sie schelmisch: „Du bestimmst jetzt also, dass wir Kartoffelsalat essen sollen!“ Tanja wunderte sich selbst über ihre gute Laune. Sie fühlte sich beschwingt und entspannt zugleich.

Dass Tatsache Nummer 1 inzwischen ihre Metamorphose abgeschlossen hatte und sich abflugbereit machte, nahm sie kaum war. So gut schmeckte ihr der Kartoffelsalat.

Telse Maria Kähler


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