Kommunikation mit dem Frühstücksei

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Kommunikation mit dem Frühstücksei – eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Der zweite Wind

Seltsam, was für Gedanken einem doch manchmal so kommen … Zum Nachmachen nicht geeignet.


Kommunikation mit dem Frühstücksei

Vorsichtig entfernte sie die Schale. Vor ihr stand ein Frühstücksei, perfekt fünf Minuten gekocht. Sie drehte ihren Eierbecher aus Edelstahl langsam im Kreis, so als würde sie das kostbare Ei nicht verletzen wollen.

Nachdem sie diese Arbeit beendet hatte, stach sie mit dem Eierlöffel, ebenfalls aus Edelstahl, in den oberen Teil des Eis, hob vorsichtig den ersten Bissen ab und schob ihn geschickt in den Mund.

Nora und Norbert Nordmann saßen bei ihrem sonntäglichen Frühstück auf der Terrasse ihres Reihenhauses. Es war Frühling. Auf einem Blumenbeet neben der Terrasse leuchteten Krokusse, Narzissen, Tulpen und Hyazinthen. Wie immer hatte Nora den Frühstückstisch liebevoll gedeckt und mit frischen Blumen dekoriert.

Eingebettet in einem makellosen Eiweiß leuchtete das nicht ganz mittig zentrierte Eigelb in der Vormittagssonne.

„Und wie finde ich das Gelbe vom Ei in meiner Ehe?“ Wie ein verzweifelter Schrei entwich diese Frage plötzlich aus Noras Innerem. „Solche Fragen sollten lieber gar nicht erst geboren werden!“, fluchte sie innerlich und resümierte: „Sie bringen nur alles durcheinander!“

Verstohlen warf sie einen Blick zu Norbert hinüber. Norbert Nordmann saß seiner Frau gegenüber, vertieft in das Lesen der Sonntagszeitung. Auf der Rückseite der Zeitung warben schwarze und rote Letter mit dem Text „Ein Land im Wohlfühlzwang“ um die Aufmerksamkeit der Leser. Nora schluckte. Das Gefühl, das sich im Moment in ihr breitmachte, hatte nicht das Geringste mit Wohlfühlen zu tun. Im Gegenteil.

Sonntagmorgen – wohlfühlen, das hatte in Noras Augen vor allem etwas mit Kommunikation zu tun. Beide hatten sie eine arbeitsreiche Woche hinter sich. Deshalb hatte sich Nora sehr auf das entspannte Sonntagsfrühstück gefreut. Doch nun war wieder einmal von einem freundlichen Austausch keine Rede.

Die Zeitung fungierte als Sperrgebiet zwischen ihnen und trug die Aufschrift „Stören verboten“. So viel zum sonntäglichen Wohlfühlzwang.

Ihr fiel keiner der Sprüche ein, die Nora sonst gerne nutzte, um ihren Mann hinter der Zeitung hervorzulocken. Selbst an komische Erlebnisse aus der vergangenen Woche konnte sie sich nicht mehr erinnern. Dabei hatte sie in den letzten Tagen viel erlebt und sehr viel gelacht. An diesem Morgen fehlten ihr sprichwörtlich die Worte.

Sie starrte auf Norbert und seine Denkerstirn, dann auf das Eigelb des Frühstückseis vor ihr und begriff, ihre Ehe bestand nur noch aus der ziemlich geschmacksneutralen Substanz des Eiweißes, im Rohzustand ziemlich eklig labberig, gekocht zwar genießbar, aber lecker war etwas anderes.

Die Köstlichkeit eines Frühstückseis beruhte auf dem Eigelb in der richtigen Konsistenz. Und genau, wie ein Frühstücksei ohne Eigelb eine eher geschmackneutrale Masse bildet, so war ihre Ehe eine Hülle geworden, der der Geschmack und vor allem die Köstlichkeit abhandengekommen war.

Das, was eine gute Partnerschaft ausmacht, das Lachen und gemeinsame Erlebnisse, war verschwunden. Nora resümierte, dass sich der schmackhafte Anteil ihres ehelichen Konstruktes in Nichts aufgelöst hatte.

Kurz überlegte Nora, wie dieser Vormittag wohl verlaufen würde. Nach der Beendigung des Studiums der Zeitung würde sich Norbert kurz nach Noras Befinden erkundigen. Reduziert lächelnd würde er sich ihren Bericht anhören, doch wirkliches Interesse war nicht zu erwarten, geschweige denn würde es zu spüren sein. Noras Erkundigungen nach seinen Erlebnissen in der vergangenen Woche würde er mit einer leichten Handbewegung beiseite wischen, mit den Worten, er hätte nichts Aufregendes erlebt. Danach erfolgte üblicherweise eine fadenscheinige Ausrede auf Ninas Bemühungen, etwas Gemeinsames unternehmen zu wollen. Spätestens fünf Minuten später würde er dann in sein Arbeitszimmer verschwinden, um ein wenig im Internet zu surfen.

Nora nickte dem Ei zustimmend zu, als hätte das Ei ihr einen Ausblick auf das heutige Tagesgeschehen ermöglicht.

Ein ungewöhnliches Gefühl der Leere durchströmte Noras gesamten Körper, dann Enttäuschung, gefolgt von Hoffnungslosigkeit.

„Machen wir uns nichts vor, hier wird sich nichts ändern!“, sagte sie sich.

Dreißig Jahre Ehe und etliche Versuche von Noras Seite aus, dem langweiligen Ehebündnis etwas Belebendes zu geben, brachten sie zu der Einsicht, dass sie das, womit sie sich schon seit Jahren zufriedengab, nicht mehr wollte.

Mit fünfundfünfzig Jahren war ihr Leben schon zu zwei Dritteln vorbei. Mehr als ein Drittel davon hatte sie in einer langweiligen Zweckgemeinschaft verbracht, die am Anfang zwar ihre Highlights hatte, dann aber immer mehr zu einem rahmenähnlichen Gerüst verfiel.

„Ja, wenn es mit dem Sex wenigstens klappen würde“, flüsterten Noras Gedanken dem Frühstücksei zu. Leider war auch dieser Akt der Liebe zu einem Akt der Gewohnheit geworden, ganz nach dem Motto „Use it or lose it“.

Jahrelang hatte Nora ihr mangelndes Interesse auf die Menopause und ihr Alter geschoben. Im Schein der Frühlingssonne wurde ihr beim Anblick des herrlich gelben Eigelbs unwillkürlich bewusst, dass es viel einfacher war: Norbert langweilte sie.

Er war nicht mehr der Mann, der sie inspirierte, ihr das Gefühl gab, eine Frau zu sein, und der, wie jeder gute Freund, bereit war, seine Freizeit mit ihr zu verbringen. Nein, der Mann an ihrer Seite glänzte durch Abwesenheit in allen Dingen, die ihr wichtig waren. Unternahmen sie dann doch einmal etwas gemeinsam, ging es immer nur um die Dinge, die sein Ego zum Glänzen brachte. Das war ihr zu wenig.

Ein zarter Windzug verfing sich in Noras Haaren. Eine Strähne ihres dunkelblonden Haares lockerte sich und wehte ihr vor die Augen. Schon im nächsten Moment ergriff der Wind die Strähne erneut und gab die Sicht wieder frei.

„Wie wichtig so ein bisschen Eigelb doch ist!“, dachte Nora und lächelte das Frühstücksei an.

„Unverzichtbar!“, antwortete ihre innere Stimme.

Während Norbert von der einen Zeitungsseite zur nächsten blätterte, ohne auch nur für einen kleinen Moment seinen Kopf zu heben und Nora einen Blick zu gönnen, beschloss Nora, dass das heutige Frühstück ihr letztes gemeinsames sein würde.

Sie hatte keine Lust mehr, in einer Partnerschaft zu leben, die nur aus einer Schale und etwas Eiweiß bestand und sie hatte auch keine Lust mehr darauf, weiterhin emotional leer auszugehen. Sie wollte mehr.

Ein seltsames Lächeln eroberte ihr Gesicht. Genüsslich biss sie in ihr Körnerbrötchen mit Honig. Dann rekelte sie sich auf dem Gartenstuhl und streckte ihr Gesicht in die Sonne. Langsam trank sie einen kleinen Schluck Kaffee, dann noch einen.

Nachdem sie dieses kleine Ritual beendet hatte, konzentrierte sie sich wieder auf ihr Frühstücksei.

„Übrigens, Norbert, was ich noch sagen wollte“, begann sie langsam, während sie den Löffel zum Ei führte. Dann stach sie zu.