Edle Häuptlinge

Chief Joseph

Edle Häuptlinge – eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Der zweite Wind“

Die Geschichte „Edle Häuptlinge“ entstand vor einigen Jahren, als ich darüber nachdachte, für das Buch „Im Land der Großen Wasser“ einen zweiten Band zu schreiben. Leider ist es nur bei dem Plan geblieben, denn das Buch „In Sandalen nach Alaska“ nahm meine Zeit in Anspruch.

Chief Joseph (Bild) lernte ich erst später kennen, als ich für das Buch „Im Land der Großen Wasser“ recherchierte. Winnetou erorberte schon in meine Kindheit mein Herz. Achja Winnetou …


Edle Häuptlinge

„Anna, wie hast du Winnetou eigentlich kennengelernt?“ Roberts grüne Augen schimmerten kristallklar in der Morgensonne. Erwartungsvoll sah er mich an.

Wer hätte gedacht, dass wir einmal als Paar zusammenleben würden. Robert hatte ich auf meiner Amerikareise kennengelernt. Damals, als ich auf der Suche nach meinen Koffern bei den Indianern war. Ein halbes Jahr später hatte ich Robert auf wunderbare Weise in Braunschweig wiedergetroffen und seitdem keine Nacht mehr alleine verbracht./*

„Du stellst Fragen“, lachte ich. „Wie kommst du denn auf dieses Thema? Winnetou? Durch eine Fernsehzeitschrift. Ich glaube, ‚Bild und Ton‘ hieß sie. Meine Eltern hatten sie abonniert. Jede Woche gab es die Episode einer Fortsetzungsgeschichte mit Bildern, unter anderem die Bildgeschichte ‚Winnetou I‘ nach dem gleichnamigen Film.“

Langsam stellte ich die Kaffeetasse auf den kleinen runden Tisch. Es war ein Sonntagvormittag im April. Wir saßen am Frühstückstisch im Erker meiner kleinen Dachgeschosswohnung in einer Braunschweiger Jugendstilvilla mit Blick auf den Stadtpark.

„Und du?“, wollte ich wissen. Jetzt war ich es, die auf eine Antwort wartete. Lächelnd lehnte ich mich in meinem Sessel aus Rattan zurück und sah ihm in die Augen.

„Mit circa zehn Jahren bekam ich mein erstes Karl-May-Buch geschenkt. ‚Der Schut‘. Von da an folgte zu jedem Geburtstag und Weihnachtsfest ein weiteres Buch, bis ich die Sammlung voll hatte“, erzählte er stolz.

Ehrfurchtsvoll sah ich ihn an: „Du hast alle Bücher von Karl May?“

„Nur die Reiseerzählungen“, sagte er und nickte.

„Und wie ist es dir ergangen? Warst du auch so enttäuscht, als du erfahren hast, dass Karl May nie in den Ländern gewesen ist, die er beschrieben hat?“, wollte ich wissen.

„Wieso enttäuscht? Mich haben die Abenteuergeschichten interessiert und nicht Karl May.“ Ja, das war Robert. Für ihn war alles so klar, so einfach.

Für mich hatte das Thema Indianer immer noch eine eigenartige Brisanz, und das, obwohl ich meine Koffersuche eigentlich als abgeschlossen betrachtete.

„Meine Familie hat mich permanent damit aufgezogen. Ein Mädchen, das so gern Karl-May-Bücher liest? Meine Freundinnen und meine Schwester konnten es einfach nicht verstehen. Manchmal waren sie ziemlich hässlich zu mir, vor allem, als sie wussten, dass Karl May mal im Gefängnis gesessen hatte“, seufzte ich.

Nachdenklich fügte ich hinzu: „Allerdings, die Erkenntnis, dass die Apachen keine edlen, mutigen und gerechten Krieger waren, sondern ziemlich grausam und hinterhältig, fand ich persönlich wesentlich misslicher!“

„Der Mythos des edlen Winnetous hat dich wohl ziemlich infiziert, was?“, lachte Robert. „Dabei war der Schauspieler ein Franzose!“, neckte er.

„Ja, ja, ich weiß! Aber damals fand ich ihn einfach nur süß. Er sah gut aus, konnte gut reiten und schießen und war soooo mutig. Außerdem setzte er sich immer für seine Freunde ein und kämpfte für die Gerechtigkeit. Dank seines Lehrers Klekih-petras sprach er fließend Englisch und er hatte sogar einen Blutsbruder! Was willst du mehr?“, schwärmte ich.

„Sag ich doch, ein Heldenepos erster Güte. Tröste dich, auch ich habe die Karl-May-Verfilmungen geliebt!“ Robert grinste. Ich liebte es, wenn er mich so ansah – mit diesem Indy-Lächeln.

„Es war einfach eine schöne Zeit! Meine Freundin schenkte mir die Poster von Pierre Brice, Lex Barker, Marie Versini und den anderen Schauspielern der Karl-May-Filme -aus der Bravo. Mit ihnen tapezierte ich die Wände meines Jugendzimmers. Mein gesamtes Taschengeld floss in den Kauf von Kaugummi. Für eine kleine Weile drehte sich in meiner Kinderwelt alles nur um Winnetou und die Indianer im Wilden Westen.“

Ganz in alten Erinnerungen schwelgend, griff ich nach einem Brötchen und begann es aufzuschneiden. Robert hatte sich ebenfalls zurückgelehnt. Aufmerksam sah er mir zu.

„Aha!“, kam es von meinem Gegenüber. Robert schien sich aus einem mir unerfindlichen Grund sehr zu amüsieren.

„Wieso aha? Was meinst du damit?“, fragte ich irritiert.

„Daher stammt also der Wunsch, in Amerika unbedingt nach einem Koffer bei den Indianern suchen zu müssen. So etwa Ähnliches hatte ich mir ja schon gedacht. Doch wofür brauchtest du so viel Kaugummi?“

„Der Beginn des Merchandising-Zeitalters!“, konterte ich seinen Neckangriff. „In den Kaugummipackungen steckten Bilder aus den Filmen. Dazu gab es ein Sammelalbum. Ich hatte ganz schön zu kauen, bis ich mein Album voll hatte!“

Meine Eltern standen meiner Leidenschaft ziemlich ablehnend gegenüber. Ein Mädchen, das immerzu Kaugummi kaut? Ziemlich unattraktiv – und überhaupt, überall fände man die Reste meiner Kauerei, richtig ekelig sei das, schimpften sie. Heute konnte ich ihren Ärger verstehen, doch damals …

Langsam strich ich leckere Erdbeermarmelade auf mein Vollkornbrötchen. Robert nippte an seinem Kaffee. Neben der Kaffeetasse lag die Sonntagszeitung. Auch Robert gehörte leider zu den Kandidaten, für die ein Frühstück ohne Zeitunglesen kein gemütliches Frühstück ist. Ziemlich unerquicklich.

„Dann gehe ich recht in der Annahme, dass du selbstverständlich auch Cowboy und Indianer gespielt hast“, wollte er nun mit einem gespielt ernsten Unterton wissen.

Ich nickte: „Du etwa nicht?“

Während ich ihn verschmitzt ansah, tauchten weitere Erinnerungen aus der Vergangenheit auf. Ich dachte an mein flottes, selbstgenähtes Indianerkostüm. Eine alte Arbeitshose meines Vaters hatte ich kurzerhand zur Indianerhose umfunktioniert. Für die Fransen zerschnitt ich ein altes Bettlaken. Ein selbst gehäkeltes Haarband wurde dank Feder zum Indianerputz. Ich sah wirklich zum Fürchten aus!

An einem wunderschönen Tag im Sommer überreichte mir ein Jugendfreund, den ich damals ähnlich anhimmelte wie Winnetou, ein selbstgeschnitztes Messer mit einem Griff aus echtem Hirschgeweih und einer Klinge aus Holz. Ich war stolz wie Oskar.

Wir hatten Ferien. Unser Indianerstamm hatte auf einem verlassenen Bahngelände sein Lager errichtet. Einige Jahre zuvor wurden durch Rationalisierungsmaßnahmen der Deutschen Bundesbahn die Schienenbusse durch Überlandbusse ersetzt. Für das verwaiste Bahngelände fehlte den Erwachsenen ein vernünftiges Nutzungskonzept. Wir Kinder hatten das Problem längst gelöst. In diesem Sommer lagerte hier der Stamm der Wölfe.

Stolz stand ich oben auf dem Bahndamm, sah „Starken Wolf“ tief in die Augen und konnte vor Aufregung kaum atmen. „Starker Wolf“, so hieß Max damals, hatte extra „für mich“ ein Messer angefertigt!

Kaum hatte „Starker Wolf“ sich umgedreht und wollte wieder zu den anderen Indianern unseres Stammes gehen, erfasste mich eine dieser typisch Schleswig-Holsteinischen Windböen. Der Wind zerrte an der viel zu weiten Hose mit den Fransen. Ehe ich mich versah, verlor ich das Gleichgewicht. Schreiend kullerte ich den Bahndamm hinunter, das Holzmesser fest mit den Fingern umschlossen, und landete im Graben.

Oben auf dem Bahndamm bogen sich die Mitglieder meines Stamms vor Lachen. „Starker Wolf“ kam den Abhang hinuntergesaust.

„Hast du dich verletzt?“, fragte er besorgt.

Vorsichtig prüfte ich meine Knochen. Zum Glück war alles heil geblieben! Alles okay – wäre da nur nicht der Schreck gewesen, der mir die Tränen in die Augen trieb.

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, sagte ich mir immer wieder. Doch es half nichts. Nicht weinen dürfen, kann ganz schön schwierig sein.

„Vielleicht sollte ‚Kleiner Bär‘ erst einmal nach Hause gehen und sich trockene Hosen anziehen!“, befand „Starker Wolf“ würdevoll und half mir aus dem Morast des Grabens. Dann ging er zu den anderen Wölfen auf dem Bahndamm. Am liebsten wäre ich vor lauter Scham im Boden versunken. Beschämt trottete ich nach Hause.

Nachdem ich mich umgezogen hatte, fragte ich mich ernsthaft, ob ich weiterhin ein Indianer sein wollte. Mit Puppen spielen oder einfach nur lesen hatte doch auch seinen Reiz!

„Woran denkst du?“, riss Roberts Stimme mich aus meinen Erinnerungen.

„Daran, dass ich als Kind immer ein starker Indianer sein wollte und nie eine Squaw, obwohl ich wunderschöne lange Zöpfe hatte“, antwortete ich und versuchte mich wieder auf Robert zu konzentrieren.

„Hat dir die Rolle der Nscho-tschi nicht gefallen? Sie war doch wunderschön!“, fragte Robert ironisch.

„Ich hatte keine Lust, den Männern den Wigwam auszufegen und ihnen das Süppchen zu kochen. Ich wollte reiten und mit Pfeil und Bogen schießen!“, konterte ich angriffslustig.

„Ihr hattet Pferde?“ Hörte ich da in Roberts Stimme einen Anflug von Bewunderung?

„Nein, leider nicht. Aber ich habe anschleichen geübt, ganz wie Karl May es in seinen Geschichten beschrieben hat. Vorsichtig erst die eine Körperseite belasten und dann ganz langsam den anderen Arm nach vorne schieben. Kennst du die Technik? Nicht? Nein …?“, neckte ich ihn schelmisch.

Robert lachte, schüttelte verneinend den Kopf und hatte offensichtlich viel Spaß an den alten Geschichten.

„Und ein Boot hatten wir. Ein Boot mit einem Loch. Daher konnte es nicht richtig schwimmen und beim Frühjahrshochwasser ging es dann ganz unter. Ziemlich ärgerlich!“, fuhr ich fort.

„Aufregende Jugend!“, resümiert er. Zwischen Brötchenkrümel und Start in den neuen Tag eine wahrhaft geistreiche Äußerung.

„Ich kann nicht klagen“, stimmte ich ihm zu. „So, jetzt bist du dran. Habt ihr auch Cowboy und Indianer gespielt?“

„Natürlich. Old Shatterhand hat mich schwer begeistert!“, gab er zu.

„Jetzt sag nicht wegen des Bärentöters und des Henrystutzens …?“, unterbrach ich ihn mit einer gespielt enttäuschten Stimme.

Sein unwiderstehliches Indy-Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen. Schon wieder machte er sich über mich lustig, und doch liebte ich ihn in diesem Moment mehr als alles andere auf der Welt.

„Jungen schießen nun mal gern. Auch mit Platzpatronen!“, begann er. Während Robert begeistert von seinen Erlebnissen als Vorstadtcowboy berichtete, gingen meine Gedanken schon wieder auf Reisen.

Hatte er recht? War der verstärkte Wunsch, meinen Koffer bei den Indianern zu suchen, ein Relikt aus der Kindheit, aus der Zeit des Cowboy-und–Indianer-Spielens und den fantastischen Geschichten von Karl May?

Als hätte Robert meine Gedanken erraten, schob er mir die Sonntagszeitung hin. Er deutete auf einen Artikel. „Vor fünfzig Jahren starb Winnetou“, stand da.

Daher wehte also Roberts plötzliches Interesse an meinen Jugendschwärmereien. Ich nahm die Zeitung und begann zu lesen:

„Vor genau fünfzig Jahren erschütterte der Tod Winnetous die Gemüter vieler Kinobesucher. Als der Film Winnetou III in den Kinos anlief, waren die Fans entsetzt. Noch heute haben sie die Szene von Winnetous Tod vor Augen: Winnetou liegt in den Armen seines Blutsbruders Old Shatterhand und flüstert die Worte ‚Winnetous Seele muss gehen …‘“. Dazu wiehert sein Pferd Iltschi, während die Glocken von Santa Fe erklingen.

Mit diesem Film begann eine Zäsur innerhalb der Karl-May-Reihe. Matthias Wendlandt von Rialto-Film berichtete: ‚Wir wurden mit Drohanrufen und Drohbriefen eingedeckt.‘ Der Schauspieler Rik Battalglia, der als Rollins den tödlichen Schuss auf Winnetou abgibt, berichtet Ähnliches: ‚Nicht ein Wunsch mehr für ein Foto oder ein Autogramm.‘ Auch fünfzig Jahre nach seinem Filmtod ist Winnetou unvergessen. In den Herzen seiner Fans lebt er immer noch weiter.“

„Wieso? Wieso dieser Aufruhr?“, fragte ich, nachdem ich den Artikel zweimal durchgelesen hatte. Ich verstand nicht, warum ein Film einen solchen Aufstand bei der Filmgemeinde verursachen konnte.

Nachdenklich sah Robert mich an. Er suchte nach einer Erklärung. Schließlich sagte er: „Jede Generation hat ihre Helden. Für uns, die erste Nachkriegsgeneration, waren es die Helden der Karl-May-Filme!“

„Ich verstehe nicht, was du damit meinst“, gab ich zu.

„Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Ich denke, deshalb war es für unsere Generation schwierig, in unseren Vätern und Großvätern Vorbilder zu finden. Der Krieg hat viel Elend gebracht. Das Gefühl von Gut oder Böse war völlig durcheinandergeraten. Es herrschte eine große Unsicherheit. Dann die ganze Schuldfrage, die wie ein Geier über allem schwebte. Ich kann mir gut vorstellen, dass es, was Helden anging, eine Zeit der Orientierungslosigkeit war. In dieses Vakuum platzten die Winnetou-Filme. Da bot es sich regelrecht an, dass sich viele Menschen aus unserer Generation mit Winnetou identifiziert haben.“

„Natürlich, diesen stolzen Indianer zu lieben war unverfänglich, denn er war ja nur eine Filmfigur. Trotzdem war er mutig, tapfer und hilfsbereit. Er stand zu seinem Wort, alles das, wonach ein Menschenherz sich sehnt.“ Langsam begriff ich, dass auch ich mir eine Illusionsfigur geschaffen hatte.

„Wie ich schon sagte, jede Generation braucht ihre Vorbilder und ihre Helden. Für uns war es Winnetou!“, wiederholte Robert.

„Ein Winnetou-Effekt? Er gehört zur Sozialisation der Nachkriegsgeneration und sein Tod markiert das Ende dieser Ära?“, sinnierte ich. Robert nickte.

„Ja, ich denke, die Karl-May-Bücher und -Filme waren wichtige Elemente unserer Sozialisation. Sie gaben uns Halt und Hoffnung, dort, wo unsere Eltern uns diese Führung nicht geben konnten, weil sie durch den Krieg traumatisiert waren. Dafür spricht ebenfalls dieses überbetonte Schwarz-Weiß-Klischee. Immer wusste man genau, wer der Gute ist, und ganz wichtig: Das Gute hat immer gesiegt.“

„Ich habe damals richtig geweint, weil ich es nicht fassen konnte. Als wäre ein realer Mensch gestorben“, seufzte ich. Verständnisvoll sah Robert mich an.

„Trösten wir uns damit, dass in uns die Werte, die Winnetou verkörpert hat, weiterleben!“, sagte Robert. Nachdenklich fügte er hinzu: „Und doch ist er nur eine Gestalt der Fantasie, an der sich kaum ein Mensch messen kann!“

Ich erschauerte bei diesem Gedanken. Film-Bilder, verbunden mit großen Emotionen – erst jetzt erfasste ich, wie viel Kraft solche Bilder haben.

Meine Koffer bei den Indianern – geboren aus der Fantasie? War ich nur einer Illusion hinterhergelaufen?! Seltsamerweise erzeugte diese Erkenntnis kein Gefühl des Bedauerns. Im Gegenteil, ich beglückwünschte mich, während meiner Amerika-Reise auf der 5th Avenue in New York den Entschluss gefasst zu haben, Winnetou in den Sonnenaufgang reiten zu lassen, um das Thema für mich endlich zu beenden. Und dann hatte ich Robert kennengelernt, eine Gestalt so real, dass ich mich manchmal kneifen musste, um zu begreifen, dass wirklich ich es war, die diese Lovestory erlebte.


 Wie sich Anna und Robert kennengelernt haben, erfahrt ihr in dem Buch „Im Land der Großen Wasser“.